Wie uns Achtsamkeit helfen kann, im Alltag ruhiger und entspannter zu sein

Achtsamkeit ist immer mehr in aller Munde, da es die Stressempfindlichkeit senken, die Gelassenheit steigern und eine bessere Beziehung zu sich und anderen stärken soll. Doch was ist Achtsamkeit? Die meiste Zeit am Tag sind wir beherrscht von unserem Verstand und dessen Denkprozesse. Diese interpretieren rund um die Uhr unsere Erfahrungen mit der inneren und äußeren Welt, welche dann blitzschnell analysiert (in bedrohlich, harmlos, angenehm, unangenehm, etc.), verglichen (mit Erlebnissen aus der Vergangenheit und Erwartungen an die Zukunft), dann eingeordnet, kategorisiert und abgelegt werden. Wir befinden uns ständig in einer unbewussten Getriebenheit von Moment zu Moment, ohne dabei den jetzigen Moment wirklich bewusst zu erfahren. Wir sehen ihn überwiegend nur durch unsere Brille der Bewertungen und Vorstellungen und stehen meist mit einem Bein schon im nächsten Moment. Hektik, Stress, Unruhe und Nervosität sind nur einige Folgen.

Dabei entsteht der größte Zwiespalt in uns selbst.

Denn unser Körper, mit dem wir alle Erfahrungen in Form von Gefühlen und Empfindungen in diesem Leben machen, ist immer im Hier und Jetzt. Doch unser Geist befindet sich die meiste Zeit in Vergangenheits-Erinnerungen und Zukunfts-Szenarien. Wenn wir es aber schaffen, Geist und Körper zusammenzubringen, Klarheit und Präsenz im Alltag zu steigern und uns befreien von unseren automatischen Reaktionen auf das Erlebte, dann kommen wir zu mehr innerer Ruhe, Stabilität und Balance. Eine Balance, die ein harmonischeres Inneres und ein glücklicheres Äußeres schaffen kann. 

Achtsamkeit ist etwas, das wir üben können.

In dem wir nicht mehr auf alles, was uns passiert, sofort reagieren, sondern bewusst mit unserer Aufmerksamkeit bei dieser jetzt stattfindenden Erfahrung bleiben, können wir unsere unbewussten Verhaltensmuster erkennen und bekommen Spielraum für andere Entscheidungen. Die Lücke zwischen einem Impuls und unserer Reaktion darauf vergrößert sich. Wir treten aus unserem Tunnelblick aus, sehen vielleicht zum ersten Mal eine Vielzahl an neuen Möglichkeiten und nehmen uns selbst und unser Gegenüber auch viel echter und ehrlicher wahr. Eine annehmende und präsente Haltung entsteht, die auch unsere Mitmenschen spüren. Etwas in uns fängt an sich zu entspannen. Und Entspannung ist auch der erste Schritt, um achtsamer zu werden. Unser Körper reagiert auf jede Situation. Bei Stress mit Anspannung der Muskeln und einer schnellen, flachen Atmung, mit durchgedrückten Knien, einer steifen Oberschenkel- und Gesässmuskulatur, hochgezogenen Schultern und einem verbissenen Kiefer. Die Atmung findet nur im Brustkorb statt, der Bauch bewegt sich kaum.

Es ist gut im Verlauf des Tages immer mal wieder den eigenen Körper wahrzunehmen und in ihn hinein zu spüren.

Man kann kleine Momente des Wartens nutzen, um Anspannungen aufzuspüren und dann bewusst zu lösen. An Ampeln, beim Warten auf den Fahrstuhl, beim Anstehen an der Kasse und selbst beim Gespräch mit jemanden kann man die Aufmerksamkeit stets ein wenig bei sich lassen. Das Besondere an dieser Form der Aufmerksamkeit ist, dass sie nicht wertend ist. Alles, was wir in diesem Moment erleben, ist, wie es ist. Wir machen uns keine Gedanken darüber, wieso, weshalb, warum, sondern sehen als objektiver Beobachter urteilsfrei die Lage. Nehmen wir an, was ist, entspannen wir uns. Aus dieser Entspannung heraus können wir zu- und loslassen. Ein positiver Kreislauf entsteht. 

Um diese besondere Aufmerksamkeit zu schulen, können wir jeden einzelnen Moment im Alltag nutzen.

Gerade in Momenten, wo wir eh dabei sind, etwas zu tun, können wir voll und ganz beim Erleben bleiben und nicht in Gedanken schon woanders sein. Morgens unter der Dusche das Wasser spüren, die Seife riechen, die Berührungen spüren. Beim Zähneputzen für 3 Minuten reines Spüren und Beobachten zulassen. Wie fühlt sich die Zahnbürste an? Kann ich Unterschiede am Zahnfleisch spüren? Wie schmeckt die Zahnpasta? Wie ist das Gefühl, wenn ich die Tube drücke? Wie reagiert mein Körper? Bin ich locker und entspannt? Wie ist meine Atmung? Kann ich dabei in den Bauch atmen? Spüre ich meine Füße auf dem Boden oder die Energie in meinen Händen?

Fortlaufend im Alltag kann ich mit diesen kurzen Momenten der reinen Präsenz fortfahren. Besonders gut eigenen sich Situationen, an denen etwas Altes aufhört und etwas Neues beginnt. Eine kurze Pause von 3 tiefen Atemzügen kann etwas, das ich gerade beendet habe, begleiten. Ich spüre in meinen Körper und in den Raum hinein, lasse das Denken für diese drei Atemzüge ruhen und lass das, was war, mit dem Ausatmen los. Dann widme ich mich frisch den neuen Aufgaben. Komme ich in neue Räume, kann ich ebenfalls ein zwei Mal tief und gleichmäßig durchatmen und mich in diesem Raum wahrnehmen. Immer wieder für kurze Augenblicke in den Moment des Wahrnehmens und raus aus dem „drüber Nachdenken“ kommen. Merke ich, dass ich hektisch noch eine E-Mail beantworten will, dann nehme ich die Spannung aus dem Körper, halte für einen Augenblick inne, achte für zwei, drei Atemzüge auf die Atmung und fahre dann fort. Ich spüre die Berührung der Finger auf den Tasten, spüre mich auf dem Stuhl sitzen, atme ruhig in den Bauch. Ich mache meine Arbeit, ohne mich in Gedanken an das, was kommt, zu verlieren. Ich bin ganz bei dem, was ich tue. Nach getaner Arbeit kann ich für ein paar Minuten langsam durch den Raum schreiten. Dabei spüre ich die Füße auf dem Boden, nehme wahr, wie der eine Fuß sich abhebt, der andere sich senkt. Ich spüre meinen Körper.

Ich nehme wahr, was passiert, ohne zu analysieren.

Vielleicht mache ich eine Kaffeepause. Dann kann ich den Prozess der Kaffeezubereitung und des Trinkens ebenso mit meiner vollen Aufmerksamkeit begleiten. Wie hört sich die Kaffeemaschine an? Welche Geräusche kann ich noch wahrnehmen? Welchen Duft und dann auch den Geschmack? Das klappt sogar beim Rauchen. Von Zug zu Zug bei dem bleiben, was man tut, ohne sich in seiner Meinung darüber zu verlieren. Im Zen heißt es „Lass deinen Geist keine Schatten werfen“ und meint, dass wir den Moment nicht mit unserer Meinung darüber trüben, sondern ihn so wahrnehmen sollen, wie er ist. Ganz besonders wertvoll kann dies im Miteinander sein. Wenn wir unserem Gegenüber zuhören, ohne gleich mit unserer eigenen Wertung oder unseren Ratschlägen und Kommentaren zu kommen, sondern ganz beim Gegenüber bleiben, dann entsteht ein offener Raum, in dem sich Spannungen teils von selbst lösen können. Mein Gegenüber fühlt sich gesehen und angenommen. Wirkliche Begegnung kann stattfinden. Etwas, dass im Berufsalltag, aber auch im Familienleben positive Auswirkungen hat. Sich Zeit zu nehmen, ist gerade in Momenten, wo wir meinen, keine Zeit zu haben, das größte und wirkungsvollste Geschenk, was wir geben und erhalten können. Diese Zeit wollen wir mit unserer Präsenz und Aufmerksamkeit füllen und die energieraubenden Gedanken an alles, was mit dieser Situation gerade nichts zu tun hat, beiseite stellen. 

Achtsamkeit ist etwas, dass wir rund um die Uhr mit kleinen Tätigkeiten im Alltag ausprobieren und nähren können.

Meditation hingegen ist wie ein Training in einem geschützten Raum. Denn oftmals sind die über uns einbrechenden Wellen des Alltags zu groß, um sie immer voll bewusst surfen zu können. Durch Meditation können wir uns die nötigen Fähigkeiten der wachen, urteilsfreien Präsenz aneignen. Doch bei allem sei der Hinweis gegeben, es spielerisch und mit einer gewissen Lockerheit zu tun. Wir treiben uns eh schon viel zu sehr an, sind selbst unsere größten Kritiker und tadeln uns wohl am meisten. Von daher sollte Achtsamkeit und Meditation immer aus einer entspannten, liebevollen und auch vergebenden Haltung praktiziert werden. Wir tun unser Bestes. Und das reicht völlig aus. 

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