Zwischen Vorher und Nachher – eine meditative Erzählung

„Zwischen Vorher und Nachher“ ist eine meditative Erzählung, welche ich im Rahmen meiner Meditations- und Entspannungstherapeuten-Ausbildung an der uta Akademie in Köln schrieb. Die Ausbildung startete ich im Jahr 2015 und beendete sie Anfang 2017. Zum Abschluss sollte jeder einen Text, eine Erzählung, oder was auch immer derjenige in Bezug auf Meditation zu sagen hatte, verfassen.

Meine Variante ist eine Erzählung, wie ich Meditation erlebe und wie sie bei mir wirkt. Und dabei ist diese Erzählung eine Meditation in sich.

Diese Erzählung gibt es auch mit visuellen Eindrücken meiner Reisen im Jahr 2017 auf meinem YouTube Profil, und zwar hier:

Außerdem kannst du dir die Erzählung auch als Audio-Datei kostenlos auf meinem Soundcloud Profil herunterladen. Dies findest du hier:

Außerordentlichen Dank an Moby, der für die Hintergrundmusik verantwortlich ist. Diese ist Teil seiner kostenlosen, frei verfüg- und nutzbaren Yoga- und Meditationssounds „Long Ambients“.

Nun aber zum Text:

Zwischen Vorher und Nachher

„Augen zu und in Kontakt treten mit mir selbst. Ich spüre den Atem, wie er einfließt, wie er ausfließt. Ganz von allein. Keine Mühe ist da. Keine Anstrengung. Mein Oberkörper bewegt sich, mein Brustkorb weitet sich, die Rippen dehnen sich, die Nasenlöcher werden kühl, dann wieder warm. Der Bauch geht rein und raus. Ganz von allein. Keine Mühe ist da. Keine Anstrengung.

Um mich rum ist Trubel. 

Menschen in diesem Raum, die geschäftig sind. Bilder, Schriften, Geräusche, schnelle Bewegungen, Hektik und Hast. Ich versuche mich nicht mitreißen zu lassen. Ich will bei mir bleiben. Schauen, was ich gerade brauche, wo ich bin, wie es mir geht. Wer bin ich eigentlich? Ich schaue mich mir an und werfe einen Blick in meinen Innenraum. Was ist dort? Was kann ich da sehen, spüren, wahrnehmen? Mein Kopf produziert Gedanken. Ständig im Wechsel. Immer wieder neu und immer wieder von vorn. Unendliche Dauerschleife. Alles ist dabei. Jegliche Formen von guten und schlechten Gedanken, Ideen, Bildern, Träumen. Vieles davon hat irgendein Problem und sucht nach irgendeiner Lösung. Manches driftet in Fantasien über, zu irgendwelchen Orten, Zuständen, Zeiten. Zeiten, die anders sind, als die jetzige. Orte die interessanter sind, Zustände, die glücklicher sind als die, die ich gerade erlebe oder bisher erlebt habe.

Erleben. Was ist das eigentlich?

Das Leben erleben? Wann geschieht „Leben“ eigentlich? Ich spüre mich jetzt gerade. Also lebe ich, oder? Im Kopf arbeitet der Denker an einer Welt, wie ein Steinmetz an seiner Statue. Unaufhörlich. Immer wieder verbessernd, anpassend, kritisch schauend und arbeitend. Im ganzen Körper herrscht ein Gefühl. Ich kann schwer trennen, was zu erst da ist. Der Gedanke und dann das Gefühl, oder erst das Gefühl und daraus dann ein Gedanke? Oft geht es mir nicht gut, würde ich behaupten. Mir? Jetzt, wo ich sitze, atme und mich beobachte, merke ich, dass dieses „mir“ sehr wackelig ist, sehr wechselnd. Wie ein Fähnchen im Wind. Wie eine Welle auf dem Wasser. Ich sehe ein, dass da vielerlei Gedanken sind, die im Allgemeinen nicht sonderlich hübsch sind. Gefühle treten auf. Auch die sind nicht unbedingt angenehm. Aber all das wechselt sich ständig. Eben war ich noch traurig und genauso schnell, wie aus dem Nichts, auf einmal wieder froh und munter. Es braucht dazu nicht viel. Ein Wort, ein Blick. Vielleicht auch nur ein passender Gedanke? Und wenn ich dann sage, „mir“ geht es nicht gut – was ist dann dieses „mir“ überhaupt? Ist das Meer aufbrausend, weil viele Wellen auf ihm toben? Ist es stürmisch und gefährlich? 

Ja. Bestimmt. Solang man ein kleines Boot ist, in den Fluten des Meeres gefangen. Doch fragt man zur gleichen Zeit einen Stein am Grunde des Meeres, so würde er vielleicht sagen, dass dies der stillste, ruhigste und friedlichste Ort auf Erden ist. Was ist also das Meer? Seine Wellen, sein Toben oder seine Tiefe? Was also bin ich? Mein Denken, meine Gefühle oder habe ich auch eine Tiefe in mir, die davon unberührt bleibt? Eine Tiefe, die so groß ist, dass auf der Oberfläche alles mögliche abgehen kann, aber dies die Tiefe letztendlich nicht aus dem Wanken bringt?

Ich bin noch immer in diesem Raum. Die Blicke um mich rum suchen, schauen, analysieren und erwarten. Erwartungen an sich, an mich, an das was kommt und das was ist. Die meisten Augen in die ich blicke, suchen. Sie suchen unentwegt etwas. Eine Antwort, ein Verhalten, einen Moment der in den Raum herein soll, wie ein ewig lang erwarteter Freund, der von einer langen Reise zurückkehrt und man weiß aber nicht genau wann. Jeden Moment kann es soweit sein. Wann kommt er, wann? Jetzt? Oder doch noch ein bisschen warten, arbeiten, tun, machen, schaffen? 

Ich will nichts mehr. Nicht mehr jemand bestimmtes sein, nichts mehr werden, nichts mehr erwarten. Jetzt, für diesen Moment. Ich will weder irgendwohin, noch irgendwas tun. Ich will nichts mehr. Nur sein. Nicht irgendwer, irgendwas oder irgendwo. Hier. Jetzt. So wie es ist. Kein besser werden, kein Arbeiten mehr an irgendetwas. Keine Ideen weiter ausbauen, keine Projekte mehr vervollständigen, keine Themen mehr bearbeiten. Nicht mehr reagieren, nicht mehr antworten, nicht mehr kontrollieren, nicht mehr festhalten. Nicht mehr halten, sputen, eilen, warten und abwarten. Auch nicht mehr genügen, entsprechen, benehmen, schämen und mich zähmen.

Ich sitze. Still. 

Ich rege mich nicht. Ich gebe nicht nach, ich gehe auf nichts ein. Nicht mal mehr auf das, was in mir ist. Ich verfolge keinen der bunten Gedanken, die mir mein innerer Steinmetz anbietet. Ich schaue auf kein Bild, ich schaue aber auch nicht weg. Ich beobachte. Still. Regungslos. Unberührt. Unbekümmert. Komm, du Denker, bring mir deine gesamten Gedanken. Gib mir alles was du hast. Ich frage ihn „Ist das alles was du hast“? Er antwortet mit Gefühlen, Bildern und Träumen aus Zeiten, bei denen ich nicht mal mehr sagen kann, ob sie schon waren oder erst kommen. Ich befinde mich zwischen dem Vorher und dem Nachher. 

Ich greif nicht mehr ein.

Eine Musik tönt. Mein Körper will sich bewegen. Ich greife nicht ein. Ich lasse geschehen und erlebe, was passiert ohne, dass ich irgendetwas tue. Es spielt auch keine Rolle mehr, ob das, was da ohne mein Zutun geschieht, mir gefällt oder nicht. Ob ich es mag, ablehne, begehre oder verurteile. Es ist da. Und ich bin da. Jetzt. Hier. Vor mir. In mir. 

Die Welt öffnet sich und ich befinde mich in einem anderen Raum. Die Menschen um mich rum sind immer noch da. Ich bin immer noch da. Doch es fehlt die Zeit. Wo war der Anfang? Wann kommt das Ende? Es spielt keine Rolle. Ich erlebe. Endlich erleben. Endlich Leben. Es ist die reinste Form der Existenz. Es ist die Tiefe, der Freund, der endlich heimkehrt. Es ist der Stein am Meeresgrund, des sagt „Hier herrscht Frieden“. Es ist das Kind, das spielt und nicht mehr weiß, wann es angefangen hat und keinen Gedanken daran verschwendet aufzuhören. Es ist der Tänzer, der den Tanz und sich zu einem Ganzen verschmelzen lässt und man gar nicht mehr genau sagen kann, wer nun wer ist. Wer führt wen? Wer wird geführt? Was geschieht hier? Was?

Ich löse mich in dem Moment auf, wie ein Stück Zucker im Wasser. Das Wasser und der Zucker sind eins. Beides bedingt den anderen. Macht der Zucker nun das Wasser süß oder das Wasser den Zucker flüssig? Wer macht was? Es gibt kein Vorn, kein Hinten, kein Anfang, kein Ende. Kein mich, nicht „mein“ Leben. Es gibt aber Leben. Es lebt sich von allein. Ich bin Zeuge und Leben zugleich. Ich bin existent. Ich bin Leben. Ich bin Tiefe. Ich bin. Sein. Einfach sein. Kein werden mehr. Reines Sein.

Ich sitze wieder. Wie von allein. Die Augen zu. Es atmet ein, es atmet aus. Ohne mein Zutun. Doch es braucht mich, um zu sein. Um zu atmen, um geatmet zu werden. Ich biete mich an, als Raum, in dem all das entstehen kann, wahrgenommen werden kann, sich entfalten kann. Entstehung und Auflösung. 

Die Tiefe in mir, bleibt. Unberührt. Frei.“

Von Marius Zerbst, 03. Januar 2017, im Zug zwischen vorher und nachher. 

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