Der Phoenix (Poem)

„Das schönste Gefühl ist, wenn die Wut sich legt.
Die Ruhe nach dem Sturm und der Phönix aufersteht.
Sind die Wogen wieder von innen her glatt,
ist der Blick wieder weich und die Farben ganz satt.

Die Schwere auf Brust und Herzen verschwunden,
das Brodeln verstummt der kindlichen Wunden.
Süßer Geschmack und ein Hauch von Bitter
bleibt Üblicherweise bis zum nächsten Gewitter.“

Inzwischen weiß ich schon gar nicht mehr, wann genau ich diese Zeilen geschrieben habe. Es muss wohl 2017 gewesen sein, aber was spielt das schon für eine Rolle. Es hätte genauso gut auch heute sein können. Das Bild des Phoenix begleitet mich immer wieder. Das Gefühl, in sich ruhend und gefestigt zu sein, zu wissen, was man will, klar ausgerichtet und fokussiert auf das Ziel. Nichts lässt Grund zum Zweifel und zur Sorge. Alles scheint in Vertrauen und Gewissheit gebettet zu sein. Der Phoenix wächst und breitet sich aus, als könne er mit seinem majestätischen Erscheinen die Welt regieren. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, verbrennt er und zerfällt zu Asche. Alles, was (innerlich) aufgebaut wurde, ist hin. Alles zerfallen, alles grau und pulverisiert. Die Hoffnung, die Klarheit, die Zuversicht, die Unerschütterlichkeit. Dafür herrscht nun Wut, Frust, Depression, Niedergeschlagenheit und Ohnmacht. Alles scheint nur noch grau und trist zu sein. Wünsche verblasst, der Mut von Angst aufgefressen, der Antrieb durch die Sinnlosigkeit des Daseins ersetzt. Vielleicht ist es nur ein Moment oder ein Tag. Doch es fühlt sich endlos an. Diese Leere, diese Dunkelheit, dieses Fallen ins Nichts. Leblos.

Und dann, wie jedesmal, legt sich der Sturm. Die Klarheit kehrt ein. Dieses Gefühl, dass nur der jetzige Moment zählt. Frisch. Vogelklänge, ein sanfter Wind weht, die Luft schmeckt neu, das Atmen fällt wieder leicht. Der Druck im Kopf löst sich auf und der ganze Körper beruhigt sich wieder und entspannt. Die Stirn glättet sich, die Sicht weitet sich. Farben wirken wieder satt und das Leben pulsiert. Anfangs noch etwas zaghaft, etwas vorsichtig und skeptisch. Doch mehr und mehr kann ich mich auf das Ganze einlassen und gelange wieder zurück zu wahrer Größe, Sicherheit und Überzeugung. Bis eben zum nächsten Gewitter.

Mittlerweile erkenne ich dieses Spiel sehr gut und weiß nicht nur, dass a) das Gewitter vorbei zieht, sondern auch b) dass nichts schlimmes an diesem Gewitter ist. Zu Beginn, wenn das Gewitter aufzieht, will ich es nicht. Ich weiß, dass ich meine Frohnatur für die nächsten Tage wohl eintauschen muss gegen diese Leere und Dumpfheit, gegen diese innere Zerrissenheit. Ich wehre mich. Und genau das macht es schlimm. Immer, wenn es mir gelingt, mich nicht mehr gegen das Wetter in mir zu wehren, es voll und ganz willkommen zu heißen, mich den Gefühlen annehme und aber – und das ist ganz wichtig – mich nicht auf meine Gedanken einlasse und mich nicht in meine Geschichten verstricke, die ich mir in solchen Momenten erzähle sonder ganz beim Gefühl bleibe, dann nehme ich den Druck raus. Es öffnet sich ein Raum, in dem zwar noch all diese Gefühle da sind, aber auch genug Platz ist für Mitgefühl von mir, für mich. Für Liebe, für Annahme für Dasein, für „es ist okay, wenn es so ist. Du bist weder falsch noch in Gefahr. Du musst nicht kämpfen. Es geschieht dir nichts.“ Dann kann ich es sogar genießen. Auf eine andere, etwas merkwürdige Art. Keine Art, die sich labt an dem Schmerz und mehr davon will. Sondern eine Art, wie wenn du dich neben deinen besten Freund setzt, wenn er gerade weint, und du einfach da bist, ohne etwas ändern zu wollen. Es herrscht Frieden. Das ist es, was schön daran ist. Dieser Friede, der entsteht, wenn ich mich nicht mehr wehre. Und einmal diesen Frieden gespürt, lässt das nächste Gewitter nicht mehr so angstvoll erscheinen.

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